Deutschland 2050: Eine Welt ohne NS-Zeitzeugen – aber die Erinnerung bleibt noch

Die letzte Generation die die NS-Zeit erlebt hat sterbt langsam aus. Aber werden die Erinnerungen mit den Menschen sterben? Gedenkstättenpädagogin Iris Groschek sagt nein.

Alison Haywood

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Die „Gedenkstätte KZ Neuengamme“ ist nicht nur die Endstation für den 327er Bus von Hamburg Bergedorf, sondern war auch die Endstation für 429.000 Menschen, die vor 70 Jahren dort ums Leben kamen.

Die Busfahrt verlässt schnell das Zentrum der Metropolregion Hamburg und läuft durch die bürgerliche Nachbarschaft Bergedorfs, mit ihren gemütlichen Klinker-Häusern und Steinpflasterstraßen – bis man tatsächlich auf dem Land ist, kurz vor der Grenze Hamburgs.

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So weit auf dem Land gibt es keinen Verkehrsstau, außer dass man den Pferdewagen vorbeifahren muss.

Die Straßen hier haben nicht viel Verkehr. Nur manchmal sind vorbeifahrende Pferdewagen und Traktoren zu sehen. Die fruchtvollen Felder dem Lager gegenüber stehen im krassen Gegensatz zu dem tödlichen Terror, welcher vor 70 Jahren auf der anderen Seite der Strasse stattfand.

Früher ein Ort des Schreckens, ist die Gedenkstätte KZ Neuengamme heutzutage ein Ort der Erinnerung. Auch wenn es die Menschen, die die Zeit des Nationalsozialismus erlebt haben nicht mehr gibt, werden ihre Geschichten weiter erzählt – so zumindest erklärt es Iris Groschek, Gedenkstättenpädagogin.

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Iris Groschek

“Unsere Aufgabe ist an die zu erinnern, an die die man nicht mehr erinnern sollte,” sagt sie in Bezug auf die Opfer der NS-Verfolgung. “Wir erinnern uns an die Menschen, die sonst namenlos bleiben würden.”

Erst errichtet im Jahr 1938 als Außenlager des KZ Sachsenhausens, wuchs das KZ Neuengamme zu einem der größten Konzentrationslager Norddeutschlands. Mehr als 100.000 Menschen wurden in dem 55-Hektar großen Lager inhaftiert, und fast die Hälfte von Ihnen kam im Lager ums Leben.

Die Häftlinge kamen meistens aus dem europäischen Ausland und wurden verfolgt wegen verschiedenen politischen und rassistischen Gründen. Nur 10% der Inhaftierten waren Juden – die anderen waren Sinti und Roma, Obdachlose, Alkoholiker, Prostituierte, sogennante Asoziale, politische Gegner und Zwangsarbeiter, die angeblich falsch gehandelt hätten.

“Aus unterschiedlichen Gründen sind Menschen ins KZ gebracht worden, einfach weil sie anders waren in den Augen der Nazis,” erzählt Groschek.

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Mit 55 Hektar war das KZ Neuengamme einer der größten Konzentrationslager Norddeutschlands.

Das KZ Neuengamme war aber kein Sterbelager, sondern ein Arbeitslager. Die Häftlinge mussten Klinker produzieren – rote Backsteine, das typische norddeutsche Baumaterial.

“Die Menschen die hierher gekommen sind, sind nicht sofort nach ihrer Ankunft ermordet worden, sondern sie sollten noch tätig sein für die Hansestadt Hamburg,” erklärte Groschek. “Und sollten dann – bevor sie starben – tatsächlich noch etwas produzieren. Das ist die gewisse Ökonomie der Zwangsarbeit.”

Nach dem Verlassen des Lagers im Jahr 1945 wurde das Gelände mehrmals nachgenutzt, erst als Internierungslager und danach als Gefängnis. Die Gefängnisse wurden erst 2003 geschlossen und zwei Jahre später wurde die Gedenkstätte eröffnet. Obwohl Neuengamme  einer der größten Gedenkstätten Deutschlands ist, ist es auch einer der jüngsten und desto weniger bekannt.

Obwohl die Zeit der Nazis seit mehr als 70 Jahren vorbei ist, findet Groschek es wichtiger denn je, solche Geschichten zu erzählen und Menschen zum Nachdenken zu bringen.

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Nach Groschek sei es wichtiger als je, die Geschichten der NS-Zeit zu erzählen.

„Sehen Sie mal in der Welt heute, was heute alles passiert. Wie viel Rassismus, Antisemitismus es noch gibt,” sagte sie. “Es ist einfach wichtig zu erzählen, sowas gab es schon mal. Was passiert wenn der Staat sagt, es ist okay, dass man andere Menschen ausgrenzt … bis es soweit ist, dass man Menschen ermordet?”

Besonders wichtig sei es daher, auch nachfolgenden Generationen von der Geschichte der NS-Verfolgung zu erzählen.

„Jüngere Leute, die vielleicht im Jahr 2000 geboren waren, denken: was hat das mit mir zu tun?“ sagt Groschek und erklärt: Sie müssen doch verstehen, wie so etwas passieren konnte, um es in der Zukunft vermeiden zu können.

Es scheint zumindest so, als ob das Ziel auch erreichbar sei. Von den ungefähr 2000 geführten Gruppen, die pro Jahr die Gedenkstätte besuchen, sind ein großer Teil  Schulgruppen. Die Gästeführer nutzen verschiedene Unterrichtsmethoden und versuchen mit den Schülern ins Gespräch zu kommen.

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Von den ungefähr 2000 geführten Gruppen, die pro Jahr die Gedenkstätte besuchen, sind ein großer Teil davon Schulgruppen.

Und was wird in der Zukunft passieren? Im Jahr 2050 wird es keine Zeitzeugen der NS-Zeit mehr geben. Jene, die die Gedenkstätte errichtet und unterstützt haben, die die erste Touren geführt haben, sterben bereits langsam aus.

Aber Groschek meinte, es gäbe keine Gefahr, dass die Geschichten mit den Menschen sterben werden. “Natürlich sind sie irgendwann als Mensch nicht mehr da, aber schon heute sind sie hier nicht mehr als physische Person anwesend,“ erklärte sie. „Und wir erzählen trotzdem weiter ihre Geschichte. Und diese Geschichten berühren trotzdem noch.”

Die Pädogogen bei der Gedenkstätte KZ Neuengamme denken auch bereits an die Zukunft. Die Geschichten der Überlebenden sind gut dokumentiert in Büchern, Filmen und Audioaufnahmen. Die Gedenkstätte soll sich in Richtung eines Museums entwickeln und Informationen durch Gegenstände und Geschichten vermitteln anstatt durch Zeitzeugen. Sie haben schon begonnen mit sozialen Medien und planen im Mai dieses Jahr ein internationales Forum über das Thema „Zukunft der Erinnerung.“

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Ein Schüler liest einen Auszug eines Tagebuchs von einem ehemaligen Häftling in einer der Austellungen der Gedenkstätten.

Und auch wenn die Zeitzeugen selber nicht mehr da sind werden ihre Nachfahren auch weiterhin gegen das Vergessen ankämpfen. Die Nachfahren der Überlebenden arbeiten bereits bei der Gedenkstätte mit und unterstützen diese mit vollen Kräften.

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Groschek erzählt die Geschichte von Fritz, ein jünger Mann der die Lagerzeit überlebt hat, bei einer Führung. Er starb 2011.

„Das ist so spannend, weil die zweite, dritte Generation sagt auch, wir sind genau so verantwortlich, wir möchten uns einbringen,“ erzählt Groschek. „Und insofern sind es schon verschiedene Nachfahren und Generationen, die sich an einem Ort treffen und diskutieren.”

Auch ohne Zeitzeugen schaffe es die Vorstellung davon, wie es damals war, gegen das Vergessen anzukämpfen.

„Wenn man an diesem Ort steht – wie am Klinkerwerk oder am Bunker – und dann erzähle ich die Geschichte … dann berührt das die Menschen,“ sagte sie.

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